Wappen Bretzenacker

Geschichte einer kleinen Berglengemeinde

Werner Hofmann


Bretzenacker gehört zu den jungen Orten im Rems-Murr-Kreis. Dennoch liegen seine Anfänge im Dunkeln. Der kleine Weiler auf der Höhe über dem Buchenbachtal tritt erst mit einer Urkunde vom 22. Juli 1293 namentlich ins Licht der Geschichte, mit Graf Eberhard von Wirtemberg in einer Zeit des Faustrechts dem Benediktinerkloster Lorch im Remstal weltlichen Schutz zusichert und hierfür das Vogtrecht über den Klosterbesitz erhält. Auf diesem ins Hauptstaatsarchiv Stuttgart verwahrten kleinformatigen Pergament werden außer Bretzenacker erstmals auch Öschelbronn, Rettersburg, Necklinsberg, Oppelsbohm und Steinach erwähnt.
Kloster Lorch wurde 1102 durch den staufischen Herzog Friedrich I. gegründet. Es war Hauskloster und Grablege der Staufer, das diese bis zu ihrem tragischen Untergang bevogteten.
Das Kloster hatte durch Schenkung auch Besitz in den Berglen erhalten. Man darf annehmen, daß dieser aus den Händen der Winnender Herrschaft kam, die bis zum Zwist im Jahr 1235 dem Stauferhaus eng verbunden war. Ein Hinweis auf diese Herkunft ergibt sich aus dem 1270 geschlossenen Vertrag, mit dem Heinrich der Jüngere von Neuffen die Zehnt- und Patronsrechte der Kirche in Buoch, der damaligen Mutterkirche der Berglen, an das Kloster Lorch abtritt. Es mag der Rest eines umfangreichen früheren Besitzrechts der Winnender in den Berglen gewesen sein.
Die Gründung Bretzenackers wie auch der anderen genannten Berglenorte reicht in ältere Zeit zurück. Sie ist aus einem größeren geschichtlichen Zusammenhang heraus zu verstehen.
Deutschland erlebte vom 11. Jahrhundert an mit dem Beginn des Hochmittelalters eine einzigartige Periode der Expansion. Sie war geprägt von starkem Bevölkerungswachstum, zahlreichen Städtegründungen, Aufschwung von Handel, Gewerbe und Geldwirtschaft, aber auch von grundlegenden Verbesserungen der Landbautechnik. Der stetige Anstieg der Getreidepreise und zunehmender Bevölkerungsdruck in den altbesiedelten Landschaften führte zu einer umfangreichen Ausdehnung der Ackerflächen durch intensive Rodung. Die auf Rentabilität bedachten Grundherren ließen jetzt auch weniger ertragreiches Land unter den Pflug nehmen. Bisher unberührte Waldgebiete wurden urbar gemacht und besiedelt. Dazu gehörten auch die Berglen. Ihr wesentlicher Rand war bereits schon früher im Zuge eines allmählichen Landesausbaus von den altbewohnten Gäulandschaften her besiedelt worden.
Einzelgänger hatten sich, vielleicht nach der Devise »Rodung macht frei«, auch spontan weiter hineingewagt und sich auf kleinen Rodungsinseln festgesetzt, wie zum Beispiel jener Oppolt, der Oppelsbohm (Oppolts Baum) später seinen Namen gab.
Nun aber, im 12. Jahrhundert, setzte in den Berglen eine großräumig betriebene, systematische Rodungstätigkeit ein, die offenbar von starker herrschaftlicher Hand geplant und gelenkt war Dabei wurde das Bild das ursprünglichen Naturlandschaft vollständig verändert. Die Berglen erhielten ihr heutiges Aussehen.
Die Namen einiger Berglenorte erinnern noch an den ursprüglichen Waldbestand: Weißbuch, Öschelbronn, Buoch.
Bretzenacker dürfte seinen Namen von einem Bauer Bretz oder Bretzo erhalten haben, der vermutlich von Oppelsbohm aus hier oben ein Acker bewirtschaftete.
Zur Rodungszeit im 12. Jahrhundert hatte sich anstelle einer primitiven Urwechselwirtschaft bereits auch die intensivere Dreifelderwirtschaft mit dem Wechsel von Wintergetreide, Sommergetreide und Brache durchgesetzt. Die Gemarkung Bretzenacker war entsprechend in die 3 Zelgen »gen Steinach«, »gen Buchenbach« und »gen Oppelsbohm« eingeteilt.
Im Zelg Steinach lagen die Mühlhalden-, Letten-, die Bett-, Halden- und Eichbergäcker.
Zum zweiten Zelg gehörten die Mauren-, Nußbaum-, Langen- und Buschäcker sowie die Äcker im Lailen und im Bubeneck.
Im dritten Zelg lagen schließlich die Gaß-, Stock- und Mühläcker.
Ein Hof besaß auf jedem dieser Zelgen etwa gleich große Ackerflächen, so daß auch ein etwa gleich hoher Ertrag von jeder Fruchtart gewährleistet war. Innerhalb der Zelgen herrschte Flurzwang; jeder mußte sich an die Fruchtfolge und an die Erntetermine halten, damit Flurschäden (z.B. durch überfahren) vermieden wurden. Die brachliegenden Felder wurden als Viehweide genützt; gleichzeitig diente die Brache der Bodenerholung.
Rathaus Bretzenacker Die Rodungsfläche der Bretzenacker Gemarkung war für fünf Hofstellen bemessen. Die Höfe wurden zu Lehen vergeben. Die Namen der Lehensträger, die von ihnen zu leistenden Abgaben sowie Lage und Größe der zugehörigen Grundstücke sind uns in den seit 1485 angelegten Lagerbrüchern des Klosters Lorch überliefert. Ältere Urkunden, die uns vermutlich erschöpfendere Auskunft zur Geschichte Bretzenackers und der Berglen überhaupt hätten geben können, verbrannten bei der Plünderung des Klosters im Bauernkrieg 1525.
Im Rahmen sogenannter »Erneuerungen« wurden in den Jahren 1524, 1570 und 1688 unter Beisein des Winnender Vogts, des Schultheißen und der jeweiligen Lehensbesitzer die Besitzverhältnisse und Gefälle der Lehen neuerlich überprüft, schriftlich festgehalten und nach öffentlicher Verlesung allseits anerkannt. Diese Lagerbücher vermitteln uns einen Einblick in die damaligen Verhältnisse. Noch im Jahre 1485 war für jedes Lehen nur ein Besitzer als Lehensträger vermerkt. Starkes Bevölkerungswachstum und Landnot führten in den folgenden Jahrzenten zu einer immer stärkeren Aufteilung der Lehen unter mehrere Besitzer und zur Parzellierung der Wirtschaftsflächen. Die Zahl der »Häuser, die einen Rauch haben«, d.h. der Wohnhäuser, wuchs zwischen 1485 und 1570 von 5 auf 17 an.
Die geteilteten Lehen blieben als fiskalische Einheit erhalten. Der im Lagerbuch bzw. in dessen Erneuerung benannte Lehensträger mußte Zinsen und Gülten auf die Mitbesitzer umlegen und war für die richtige und pünktliche Abführung an die Herrschaft verantwortlich. Wechselte ein Lehen seinen Besitzer, so mußte der weichende eine erhebliche »Weglöse«, der neu benannte einen »Handlohn« im gleichen Betrag entrichten.
Die Abgabetermine verteilten sich über das ganze Jahr, so daß die Bauern immer die Faust der Herrschaft im Nacken spürten und sich stets ihrer Abhängigkeit und Unfreiheit bewußt blieben. Es würde in diesem Rahmen zu weit führen, und es genügt wohl, zu erwähnen daß Grundherr, Gerichtsherr und Kirche jeweils für sich ihren Teil erheischten.
In Folge der Reformation wurde das Kloster Lorch 1535 säkularisiert. Die Mönche mußten weichen und das Vermögen des Klosters wurde von Wirtemberg zugunsten des Kirchenkastens beschlagnahmt, der bis zum Ende des altwirtembergischen Staates 1805 für die Unterhaltung des Schulwesens diente. Dahinein flossen auch die Gefälle aus dem ehemaligen Klosterbesitz.

aus: "75 Jahre Gesang-Verein Eintracht Bretzenacker"
homepage@bretzenacker.de

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